Corona verschärft Bildungsungerechtigkeit – Bildungsministerium ohne klare Linie

Hans Ganß, Vorstandsmitglied der „Unabhängigen rheinland-pfälzischen Initiative EINE Schule für ALLE – länger gemeinsam lernen e. V“ und ehemaliger Grundschulrektor, muss verwundert feststellen, dass die am 3. April herausgegebenen Anordnungen des Ministeriums „Schulrechtliche Fragestellungen im Zuge der Schulschließung“ in krassem Widerspruch zum Versprechen der Ministerin in ihren Schreiben vom 27.03. an Schulen und Eltern stehen. „Darin“, so Hans Ganß, „formulierte die Ministerin, durchaus der Problematik angemessen, es solle ´ auf eine Benotung dieser unter außergewöhnlichen Umständen erbrachten häuslichen Leistungen deshalb ebenso verzichtet werden wie auf die Androhung von Sanktionen bei nichterbrachten Leistungen`.

Warum nach gerade mal einer Woche diese Abkehr von der pädagogisch unbestreitbar richtigen Entscheidung?“, muss gefragt werden, zumal inzwischen landauf-landab die Folgen von Homeschooling intensiv diskutiert werden. „Übereinstimmend wird berichtet, was ja angesichts der ohnehin bestehenden Gerechtigkeitslücke in unserem Bildungssystem nicht überrascht, dass dieser häusliche Notunterricht die Gräben zwischen den Mittelstandsmilieus und den Kindern aus benachteiligten Schichten weiter vertiefen wird“, betont Hans Ganß.

Sollten, so Hans Ganß weiter, die Schulschließungen vor dem 4. Mai aufgehoben werden, so könne keinesfalls zur Tagesordnung übergegangen werden. Die erwähnte Änderungsmitteilung v. 3. 4. 2020 suggeriere aber im Grunde genau dies. Denn sie fordere z.B. von den Schulen mit gymnasialer Oberstufe, dass es möglich sein sollte, „in allen Kursen die geforderten Leistungskurs- und Grundkursarbeiten zu schreiben und mehrere Leistungsnachweise zu fordern, sodass die Halbjahresnoten auf reguläre Weise ermittelt werden“ könnten.

Endgültig konterkariert wird die Aussage der Ministerin von Ende März durch die Regelung für den Fall einer noch länger währenden Schulschließung. Dann sei es „besonders wichtig, dass die bereits jetzt praktizierte Verlagerung des Unterrichts in digitale Kommunikations- und Arbeitswege intensiviert wird. Das bedeutet insbesondere, dass auch neue Inhalte gelernt und in Leistungsnachweisen gefordert werden“ müssten. Abgesehen davon, dass hier die widersprüchlichen Verlautbarungen aus dem Bildungsministerium auf die Spitze getrieben werden und nur verunsichern können, wird hier leider sehr klar zum Ausdruck gebracht, dass alle Warnungen von Pädagogen in den Schulen, von pädagogischen und anderen wissenschaftlichen Fachbereichen, von Gewerkschaften und aus der Wirtschaft negiert werden, mit welch dramatischen sozialen Folgen gerechnet werden müsse, wenn Homeschooling auf nicht absehbare Zeit fortgesetzt werden sollte. Hans Ganß kann deshalb die Feststellung des Instituts der Deutschen Wirtschaft von Anfang dieser Woche nur unterstreichen, wonach durch die Schließung der Bildungseinrichtungen die Chance entfalle, gerade die Kinder aus bildungsfernen Haushalten intensiver zu fördern. „Es kann doch nicht sein“, formuliert Hans Ganß abschließend, „dass das Ministerium in unverantwortlicher Weise die Schullandschaft verunsichert und zugleich tatenlos zusieht, wie die Bildungsungerechtigkeit, dieses Grundübel unseres Bildungssystems, weiter zunimmt.“